Katrin Pieczonka, The Time Is Now
"The Time Is Now" lautet der Titel, der der englischen Elektro- und Trip Hop Band "Moloko" im Jahr 2000 zum Durchbruch verhalf. "Moloko" lautet auch der Name
einer Milchbar in dem Roman "A Clockwork Orange" sowie einer Bar in Frankfurt/Main. Einen Ausschnitt dieser Frankfurter Bar zeigt Katrin Pieczonkas Gemälde
"Moloko" von 2006. Zu erkennen ist eine unklare Innenraumsituation. Linien und Flaechen im Vordergrund deuten eine perspektivische Bildtiefe an, die durch
die teilweise nebeneinander gesetzten und sich ueberlagernden Flaechen wieder zurueckgenommen wird. Dem Blick des Betrachters wird ein lenkendes Angebot
gemacht, das jedoch keine Erfuellung findet. Angedeutete Bildraeume loesen sich in der Bildflaeche wieder auf.
Was verbindet Trip Hop und eine Frankfurter Bar mit den Arbeiten von Katrin Pieczonka?
Als Vorlage fuer ihre grossformatigen Gemaelde dienen Katrin Pieczonka Fotografien; Fotos und Schnappschuesse von Situationen, bei denen sie selbst dabei war.
Es sind Fotografien, die sie selbst gemacht hat oder in den Fotoalben ihrer Eltern und Freunde findet. Bei der Auswahl interessiert sie das eher Nebensaechliche
und Beilaeufige. Die Fotos dienen ihr als Erinnerungshilfe, sowohl fuer den Bildaufbau als auch fuer ihre durch das Malen weitergefuehrte Autobiografie.
Die Autobiografie zeichnet sich durch ihr Changieren zwischen den Polen der Wirklichkeit und der Fiktion aus, wobei sie zunehmend mit dem fiktionalen Aspekt in
Zusammenhang zu bringen ist. Realitaet und Fiktion sind auch die Komponenten auf Basis derer man das (analoge) fotografische Bild vom gemalten unterscheiden kann.
Haftet dem analogen Bild immer ein Rest an Authentizitaet des abgebildeten Referenten an, so ist das gemalte Bild durch seinen subjektiven Entstehungsprozess zu
charakterisieren. Beim gemalten Bild obliegt es dem Betrachter, die dargestellte Situation fuer wahr zu nehmen. Es ist die Differenz von "seeing-in paintings"
und "seeing-through photographs" , durch die unsere visuelle Wahrnehmung bestimmt wird.
Mit ihren Gemaelden gibt Katrin Pieczonka uns Einblicke in ihre Welt und ihr Leben. Sie zeigt uns Bilder ihres alltaeglichen Umfeldes, nimmt uns mit auf ihre
Reisen - Orte an denen sie gewesen ist. Es sind Orte und Bilder, die jeder von uns kennt. Kinderspielplaetze, Tankstellen, Haefen, oeffentliche Plaetze,
repraesentative Bauten, Landschaften, Bueroraeume... Der malerische Prozess bleibt hierbei immer erkennbar. Sei es durch verlaufende Farbspuren in den Bildern
oder erruptiv hineingeworfene Farbflaechen. Das Figurative verzahnt sich mit dem Abstrakten, die raeumliche Perspektive mit Flaechen, an denen der Blick abprallt.
Die von Katrin Pieczonka erschaffenen Bilderwelten lassen uns ueber unsere Wahrnehmung nachdenken, darueber, wie wir uns ein Bild ueber uns und unsere Welt machen,
wie wir unsere eigene Autobiografie sehen und schreiben.
Die Welt, die uns Katrin Pieczonka in ihren Bildern vorstellt, ist menschenleer. Nie ist eine Person zu sehen. Diese (Menschen)Leere macht sie offen fuer eigene
Projektionen. Es sind keine Geschichten, die durch Figuren erzaehlt werden koennten. Der Fokus liegt auf dem Umfeld, dem architektonischen Raum, der uns bestimmt
und den wir kennen. Die Alltaeglichkeit, Normalitaet und Allgemeinheit der Motive laesst Platz fuer eigene Projektionen; fuer die eigene Autobiografie.
Zurueck zum Trip Hop: Entstanden Mitte der 1990er Jahre, zeichnet er sich durch seine Verbindung von Hip Hop-Elementen mit einer melancholischen Grundstimmung aus.
Gegenlaeufige Elemente liessen über die musikalische Wahrnehmung nachdenken und sind als zwei gegenlaeufige Komponenten zu einer (dis)harmonischen Einheiten
verbunden worden.
Mit der Verschraenkung kontraerer Abbildungsmoeglichkeiten in ihren Gemaelden, sei es Fotografie vs. Malerei, abstrakt vs. figurativ oder illusionistische
Tiefenperspektive vs. zweidimensionale Bildflaeche, erschafft Katrin Pieczonka harmonische Bildraeume, die uns Vertrautheit geben und unsere Blicke gleichermassen
stoeren. Der Betrachter wird auf sich und seinen eigenen Blick zurueckgeworfen. Die realitaetsnahe fotografische Vorlage wird in Katrin Pieczonkas Umsetzung im
Gemaelde gebrochen. Es findet ein Verweis auf den konstruktiven Aspekt jedes gemalten Bildes statt. Die Autobiografie des Betrachters verschraenkt sich mit der
Autobiografie von Katrin Pieczonka/der Malerin. Das mit Hilfe postmoderner und poststrukturalistischer Fotografiediskurse totgesagte Subjekt der Philosophie wird
mit Hilfe der Malerei wieder zum Leben erweckt.
Die Gemaelde von Katrin Pieczonka lassen einen über die eingangs erwaehnten und von Moloko gesungen Worte "The Time Is Now" nachdenken; darueber, wie die eigene
Autobiografie, die man sich selbst erzaehlt, entstanden ist; darueber wodurch das Leben im Hier und Jetzt bestimmt wird.
Genauso wie Róisín Murphy, ehemalige Saengerin von Moloko, ihre erste Solo-CD (2005) mit dem Song "we're too busy" schliesst, laden Katrin Pieczonkas Bilderwelten
zur ruhigen Reflektion ueber visuelle Wahrnehmung und Erinnerung ein. Der melancholische Unterton ihrer Gemaelde kann mit eigenen Projektionen und der eigenen
Geschichte aufgeladen werden. Hierbei verliert sich der Blick nicht in illusionistischen Darstellungen, sondern die Brueche in den Bildflaechen und der explizite
erweis auf das Medium der Malerei und der Farbe als bildschaffendes Medium laden ein, den eigenen Blick auf das Umfeld zu ueberdenken und liefern ein irritierendes
Moment in der heutigen medial gepraegten visuellen Kultur. Die Frage nach der Relation von Bildern und ihren Betrachtern rueckt ins Zentrum.
Peter Kruska